Rettung in letzter Minute? Oder einer der vielen vergeblichen Versuche, Süditalien der Lethargie and der Camorra zu entreißen? Der italienische Staat stellt sein neues Projekt zur Sicherung Pompejis vor. NEAPEL, im April Es sollte als besonders starkes Symbol wirken: Die halbe italienische Regierung, Ministerpräsident Monti an der Spitze, bemühte sich kürzlich nach Neapel, um in der größten Stadt des Mezzogiorno den Notplan zur Rettung von Pompeji vorzustellen. 105 Millionen Euro ist ihr trotz Finanzkrise und Oberschuldung die berühmteste archäologische Stätte der Menschheit wert; davon 63 Millionen aus dem Staatshaushalt, der Rest aus Europas Kasse. Innerhalb von drei Jahren sollen damit die heruntergekommenen Wohnhäuser, die Wandmalereien, Straßen, Wege and Mauern der einst vom Vesuv verschütteten antiken Stadt für kommende Generationen fachkundig gesichert werden. Doch mindestens so symbolisch wie die Wahl Pompejis als Aufbruchssignal für den Süden waren die Mahnworte, die Ministerpräsident Monti den Neapolitanern ins Stammbuch schrieb: Kein Cent der Subventionen, so der strenge Ökonom and Regierungschef wider Willen, solle in den Kassen der Camorra landen. Monti sprach aus gegebenem Anlass, denn es ist ein offenes Geheimnis, wie viele gutgemeinte Restaurierungen versandeten, während die Gelder in den Kanälen des organisierten Verbrechens versickerten. Gerade die dichtbesiedelte Zone am Vesuv gilt, fast so sehr wie Neapels krimineller Norden um Casal di Principe, als Brutstätte des "Abusiamo", der illegalen Bau- and sonstigen Schwarzwirtschaft, an der meist die Camorra verdient. Nun soll das neue "Grande Progetto Pompei" durch eine Taskforce der Präfektur sowie der Guardia di Finanza überwacht werden. Kein Arbeiter, kein Fahrzeug solle die archäologische Zone ohne Genehmigung erreichen, unangemeldete Kontrollen würden zur Regel, jede Maßnahme bis herunter zu Kosten von dreitausend Euro werde ordentlich and europaweit ausgeschrieben and das Ergebnis sofort im Internet publik gemacht. "Europa schaut auf uns", verkündeten die Politiker, allen voran Kulturminister Lorenzo Ornaghi, in Neapel unisono. Dass es sich bei der jetzigen Regierung meist um Wirtschaftsfachleute and Großbürger aus dem reichen Norden handelt, konnte man auch an Mario Montis Worten über die Verantwortung der Neapolitaner für ihre enormen Kulturschätze ablesen. Anders als Silvio Berlusconi, der immer wieder im vermüllten Neapel zur Kabinettssitzung geladen and dabei seinen Wählern im Süden geschmeichelt hatte, sprach Monti das Grundübel des Mezzogiorno unverblümt an: Politiker and Burger müssten sich gleichermaßen ändern. Die Bürger Neapels sollten "keine privilegierten Lösungen, sondern die Erfüllung kollektiver Rechte vom Staat verlangen". Statt immer neue Subventionen für ihre marode Stadt mit Müllmafia, Drogenhandel, Schwarzarbeit and Schmuggel im Dienst der Camorra zu fordern, sollten die Menschen des Mezzogiorno zu Staatsbürgern werden, Steuern zahlen, sich der illegalen Wirtschaft verweigern. Nun hat sich an staatsfernen und kreativ anarchischen Gegenden wie Sizilien, Kalabrien, Apulien and namentlich Kampanien bisher jede italienische Regierung seit der Einigung vor 150 Jahren abgearbeitet and jedes Mal verhoben. Es käme einem Wunder gleich, wenn ausgerechnet der Mailänder Wirtschaftswissenschaftler Monti and seine preußischen Maßnahmen Pompeji oder gar ganz Neapel Rechtsstaatlichkeit bescherten. Wie soll sich ein einzelner Bauunternehmer, ein kleiner Beamter gegen die geballte Macht and Brutalität der Camorra durchsetzen? Soll Pompeji von Helden oder von Handwerkern restauriert werden? Mit den hehren Verkündigungen eines "Sauerstoffschubs für Pompeji" beschrieben italienische Medien die Malaise der Grabungsstätte routiniert ungeschönt. So liegt das erst 2010 eröffnete antike Theater seit dem pathetischen Auftaktkonzert unter Riccardo Muti komplett brach. Die Containergarderoben rosten hässlich vor sich hin, derweil wird deutlich, dass die Instandsetzung mit schlechten Baustoffen and invasiv-schädlicher Radikalität von Stümpern erfolgte. Schon jetzt musste man das Theater mit dem Presslufthammer möglichst schonend wieder entbetonieren. Dafür kostete die "Rettungsmaßnahme" mit sechs Millionen Euro das Elffache der veranschlagten Summe. Solche tristen Bilanzen lassen sich in ganz Italien erstellen, vor allem im Süden. So tobt derzeit im riesigen etruskischen Gräberfeld von Cerveteri ein stiller Kleinkrieg zwischen lokalen Initiativen zur Reinigung and Sicherung der unschätzbaren Fundstellen and der örtlichen Mafia von Raubgräbern, die seit Generationen vom Verhökern oder Fälschen etruskischer Funde ein so auskömmliches wie illegales Dasein führen. Im Frühsommer wird die Unesco über den Entzug des Titels Weltkulturerbe entscheiden. Doch zeichnet sich ab, dass es bis in die korrupte Lokalpolitik von Cerveteri vielen Nutznießern recht wäre, wenn die Welt, Europa and Italien woandershin schauen würden, damit die Zerstörung unschätzbarer Kulturgüter ungestört weitergehen kann. Das soll nicht heißen, dass der Rettungsversuch für Pompeji, von dem viele Experten behaupten, es sei der letztmögliche, nicht bitter nötig and lobenswert wäre. Im Gegenteil zum ersten Mal seit Jahren scheint man die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Nachdem lange Zeit dubiose Regionalpolitiker and undurchschaubare Behörden die Federführung auf den Baustellen übernommen hatten, soll nun endlich wieder der immense Sachverstand der "Soprintendenza Archeologica" genutzt werden. Nur Archäologen also sollen über die Eingriffe wachen. Doch auch bei den Experten, deren Stab seit Jahren systematisch kaputtgespart wurde, gibt es jede Menge Probleme. So ging etwa der letzte Mosaiken-Restaurator im Jahr 2001, nicht zufällig zu Beginn der zweiten Amtsperiode von Silvio Berlusconi, ohne Nachfolger in Pension. Das antike Pompeji wurde innerhalb von zwei Tagen and Nächten zerstört; die moderne Fortsetzung der Katastrophe dauert schon Langer. Aber sie könnte gründlicher sein als jede zuvor.