Warum sich Italien mit seinem wichtigsten Kurator streitet Während die Schweizer Kuratorin Bice Curiger beharrlich an ihrer Hauptausstellung "ILLUMInazioni ILLUMInations" arbeitet and die 54. Kunstbiennale (4. Juni bis 27. November) mit 89 ausstellenden Ländern einen neuen Rekord melden kann, geht es beim Beitrag des Gastgebers drunter and drüber. Das Chaos um den italienischen Pavilion passt zum zerrütteten Zustand der Kulturpolitik des Landes. Der friihere Kulturminister Sandro Bondi hatte den konservativen Kunsthistoriker and Kritiker Vittorio Sgarbi als Kurator des italienischen Auftritts bestimmt. Sgarbi, ein bekannter Polemiker mit politischen Ambitionen, der sich einer engen Freundschaft mit Ministerpräsident Silvio Berlusconi rühmt and von der Gegenwartskunst eigentlich nicht viel hält, plant einen Massenauftritt von 150 bis 200 Künstlern anlässlich der Feiern zur Gründung des italienischen Staates vor 150 Jahren. Neben seiner Biennale-Berufung war der 52-jahrige Kurator and ehemalige Staatssekretär auch zu Venedigs oberstem Denkmalschützer gemacht worden, ohne dass er dafür die Voraussetzungen erfüllt hätte. Einer Klage von unterlegenen Bewerbern wurde inzwischen vom italienischen Staatsrat stattgegeben. Der neue Kulturminister Giancarlo Galan, der sich im Gegensatz zum schwachen Bondi gegen die Kürzungsplane des Finanzministeriums wehrt, zog die Berufung kurz vor Ostern zurück and vergab den Posten innerhalb der Ministerialbürokratie neu. Sgarbi kündigte danach zunächst an, deshalb auch von seiner Biennale-Berufung zurücktreten zu wollen. Wenige Tage darauf widerrief er seine Ankündigung, bestätigte sie dann erneut, zog sie schließlich aber doch zurück. Angeblich weil der Minister ihn darum gebeten habe. Eine Posse, die zeigt, wie weit es Schreihälse in Italien bringen können. Denn die Medien finden am Zoff um Sgarbi und seinen Pavillon viel mehr Gefallen als an der stillen Arbeit von Bice Curiger und ihrem Team. Mehrere Künstler, etwa der Fotograf Nicola Vinci, haben ihre Teilnahme inzwischen abgesagt, weil sie zwei Wochen vor der Eröffnung noch nicht wussten, wie and wo sie ihr Projekt präsentieren sollten. Gerade hat Sgarbi versucht, mit einer Polit-Show im staatlichen italienischen Fernsehen für Aufsehen zu sorgen. Sein Auftritt am Mittwochabend zu bester Sendezeit auf RAI Uno zeichnete sich aber nur durch unflätige Ausfälle gegen seine Kritiker aus. Die Quote war schlecht. Nur 8 Prozent der Fernsehzuschauer schalteten ein. Auf eine Fortsetzung verzichtet der Sender deshalb. Bice Curiger wie auch der Biennale-Präsident Paolo Baratta sind über Aktionen dieser Art nicht begeistert, auch wenn sie nach außen eher gleichmütig wirken. Immerhin: Das Vorhaben, den italienischen Pavillon in viele kleine Teile aufzusplittern, ihn auch über die ganze Stadt und per Internet and Videokonferenzen über das ganze Land zu verteilen and mit zwei Hundertschaften von Künstlern zu bespielen, hat etwas Anarchisch-Revolutionäres. Dass dadurch die übliche Klüngelei des Kunstbetriebs mit immer denselben Kuratoren and Künstlern ausgehebelt wurde, haben auch linke Intellektuelle wie kürzlich der Jurist Michele Ainis im Corriere Della Sera begrüßt. Sgarbis Intimfeind, der neapolitanische Kritiker and Kurator Achille Bonito Oliva, kritisierte das Projekt allerdings als "inflationär". Und mit Anspielung auf die Berlusconi-Villa in Arcore bei Mailand taufte er den italienischen Pavillon als einen "Pavillon von Arcore", wo "Starletts, Verwandte and Geliebte ohne sonderliche Qualitätsmerkmale" bevorzugt würden. Aber Bonito Oliva irrt sich: Die Kollektiv-Veranstaltung wird, da besteht bei Sgarbi, dem Schreihals von Venedig, kein Zweifel, auf eine One-Man-Show hinauslaufen.