PADULA, im Juli Weit im Süden Italiens, in der Certosa di San Lorenzo, errichtet im vierzehnten Jahrhundert in Padula, entsteht in Mönchszellen zeitgenössische Kunst. Das ist seit drei Jahren der Fall, und nun soll die grösste Kartause Europas zu einem Museum der speziellen Art werden. Bis es soweit war, mussten viele Bedenken überwunden und Zweifel zerstreut werden. Sowohl die ländliche Bevölkerung des Ortes in der Provinz von Potenza als auch die künstlerische Direktorin der Certosa di San Lorenzo standen dem Projekt ,,le opere e i giorni" anfangs distanziert gegenüber. Misstrauen weckten zum Beispiel Installationen der Künstlerin Raffaella Nappo aus Neapel im Haupthof der Kartause. Inspiriert und provoziert von den Dimensionen des fast fussbalIfeldgrossen Areals betonierte Rafaella Nappo 2003 einige abgestorbene Bäume mit in die Höhe strebenden dürren Ästen ins Gras. Diese Raumveränderung gehört zum Konzept, mit dem der Kurator Achille Bonito Oliva nun zum dritten und letzten Mal eine Symbiose zwischen moderner Gegenwartskunst und den Mauern der Mönche erreichen wollte. In diesem Jahr konnten auf seine Einladung vierundvierzig in- und ausländische Künstler ab Ende Mai drei Wochen lang in den Mönchszellen ihre Ideen zum diesjahrigen Motto verwirklichen: Nach "il verbo" (am Anfang war das Wort) und ,,il precetto" (das Gebot) waren in diesem Jahr als ,,la vanitas" Eitelkeit und Vergänglichkeit Hintergrund künstlerischer, politisch wacher Welt- und Selbstbespiegelung - Gartenzwerge mit Plastiktüten über dem Kopf erinnern an Terror und Krieg, Blaulichter im Kirchenraum zerrütten unser Bildordnungsgefühl. Achille Bonito Oliva ist auch der von der Region Kampanien Beauftragte für die "annali delle arti" betitelten Ausstellungs- und Förderprojekte der zeitgenossischen Kunst. Sein Projekt ,,le opere e i giorni" spielt an auf die "Werke und Tage" des Hesiod. ,,Vor die Tugend haben die Götter den Schweiss gesetzt", dessen wohl bekanntester Lehrspruch,. ist auch der Leitsatz, unter dem Oliva die hundert Künstler seiner Wahl dazu brachte. nur für Kost und Logis während jeweils drei Wochen in der Certosa Kunstwerke zu erschaffen - und sie für die Zukunft dort verbleiben zu lassen. Die Kartause selbst wurde 1995 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Zuvor war sie ein fast vergessenes, teilweise unter einer Schlammlawine begrabenes und irgendwie viel zu grosses Riesenkloster gewesen, an dem zuweilen halbherzig herumrenoviert wurde und aus dem die meisten beweglichen Kunstschätze langst gestohlen und etwa in den Louvre gebracht worden waren. In den Augen so mancher Makler allerdings war die Anlage bestens zur Umnutzung als Luxushotel geeignet. Heute ist die Certosa di San Lorenzo mit Finanzierungshilfe der EU nahezu vollständig renoviert und restauriert -ein Ensemble auf einer Fläche von einundfünfzigtausend Quadratmetern, das entsprechend den Regeln des Kartäuserordens als eine Art autarker Stadt angelegt wurde, wovon auch die Garten um das Kloster, die ehemaligen Stallungen davor, die Wirtschaftsbauten und die eigene Weinkelterei zeugen. Das Kunstprojekt in fünfundzwanzig Zellen und einigen weiteren Räumen sprengt weder den Raum der Certosa mit ihren dreihundertzwanzig Sälen und Zimmern, dreihundert Säulen und dreizehn Höfen, noch stört es die Stimmung mönchischer Ruhe und Einkehr, aber auch klerikalen Reichtums. Im Gegenteil scheint hier das künstlerische Schaffen als ein ernstes, vom historischen Ambiente beeinflusstes Spiel. ohne die Erhabenheit erreichen zu wollen (oder zu können). die beispielsweise der Blick in die Natur von der Barocktreppe im Stile des Architekten Sanfelice bietet. Das Experiment. Kunst nicht, wie üblich, in historisch bedeutsamen Stätten zu präsentieren, sondern sie dort entstehen zu lassen, ist für Oliva auch wirtschaftlich gelungen, denn seit Aktionsbeginn zog es achtzigtausend Menschen mehr in die Certosa als erwartet. Bis Ende September bleiben die Kunstwerke aus den Klausuren der Kartause noch in den Mönchszellen. Danach werden sie im neuen "CO.RE Museo" der Kartause präsentiert werden, "damit die zeitgenössische Kunst in Italien auch südlich von Rom in einem Museum zu sehen ist", so Antonio Bassolino, Präsident Kampaniens und Förderer von Kultur und Tourismus in seiner Region.