Während andere Länder darüber nachdenken, wo Finanzmittel zu finden sind, um kulturelle Einrichtungen zu fördern, denkt Italien daran, einen Teil seiner Kulturgüter zu Geld zu machen, um Haushaltslöcher anderer Ressorts zu stopfen. Währenddessen bleiben die Ausgaben für die Kultur auf einem skandalös niedrigen Niveau (0,33 Prozent des jüngsten Staatshaushaltes). Das riesige Vermögen an Kulturgütern, das Italien zu dem in dieser Hinsicht vielleicht reichsten Land der Welt macht neben unzähligen Kirchen und Klöstern zählen dazu rund 40 000 Burgen und Schlösser, 30 000 Gutshöfe, 4000 historische Gärten, 2100 Ausgrabungsstätten, 1000 Ortskerne von außergewöhnlicher Bedeutung, eine Vielzahl von Stadtpalästen vergangener Jahrhunderte und anderes mehr , weckt auch Begierden, den Reichtum in bare Münze umzusetzen. Und das in einem Land, das mit vielen Schutzbestimmungen, die bis auf das 15. Jahrhundert zurückgehen, geradezu ein internationales Vorbild für den Erhalt von Kulturgütern geworden ist. Mit wachsendem Entsetzen verfolgt man seither in der italienischen Öffentlichkeit einen gespenstischen Zweikampf zwischen zwei Mitgliedern der römischen Regierung. Auf der einen Seite steht Kulturminister Giuliano Urbani, der von Amts wegen für den Schutz der Kulturgüter zuständig ist, auf der anderen der Wirtschafts- und Finanzminister Giulio Tremonti, der die Kasse zum Klingeln bringen will. Das ist ein Kampf, der dem Rennen zwischen Hase und Igel ähnelt. Jedes Mal, wenn Urbani über Schutzmaßnahmen nachdenkt, ruft Tremonti Ick bin allhier". Das war so vor zwei Jahren, als der Finanzminister alle im Staatsbesitz befindlichen Kulturgüter kurzerhand in einer extra dafür gegründeten Aktiengesellschaft Patrimonio dello Stato S.p.A." zusammenfassen ließ, die den Auftrag erhielt, alles zu verkaufen, was nur möglich ist. Und es war vor einem Jahr so, als ebenfalls Tremonti versuchte, die Denkmalschutzämter, die bislang das letzte Wort bei einer möglichen Veräußerung von Staatsbesitz haben, auszuhebeln (ein barocker Stadtpalast verkauft sich eben leichter als ein Plattenbau der Nachkriegszeit). Und heute? In das jüngste Haushaltsgesetz schmuggelte Tremonti einen Passus, wonach bei Verkaufsabsicht eines Kulturgutes die fehlende Ablehnung durch das zuständigen Schutzamt innerhalb von 120 Tagen als stillschweigende Zustimmung gewertet wird. Wer die völlig überlasteten italienischen Denkmalschutzämter kennt, kann sich leicht ausmalen, dass man so vielleicht den Verkauf des Kolosseums verhindern kann, aber bei fehlender Katalogisierung nicht den eines abgelegenen Landgutes, einer aufgelassenen Kapelle oder eines weniger bekannten Stadthauses. Und schon durchlöchert Einer, der seit Beginn von Berlusconis Regierungszeit vor den zerstörerischen Folgen dieses Hase-und-Igel-Rennens warnt, ist der aus Kalabrien stammende Archäologe und Kunsthistoriker Salvatore Settis. Nicht nur in Fachkreisen zählt der 63-Jährige wegen seines umfassenden Themenkanons von der Antike bis zur Neuzeit zu den Berühmtheiten, geradezu populär ist ein Buch über Giorgiones Rätselbild La Tempesta" (Das Gewitter) geworden, das auf Deutsch bei Wagenbach erschienen ist. Zurzeit aber schreibt Settis Bücher anderen Inhalts: Italia S.p.A" (Aktiengesellschaft Italien) heißt die von Einaudi verlegte Studie über den Angriff auf die kulturellen Schätze", so der Untertitel. Das Titelbild illustriert mit einem Gemälde von Goya Settis' Grundthese: wie Saturn sich seine Kinder einverleibt, so verschlinge Italien sein kulturelles Erbe, dessen Bedeutung nicht nur in außergewöhnlichen Kulturgütern wie den Uffizien oder dem Markuspalast liege, sondern in der Vielzahl jener unzähligen Kirchen, Villen und Parkanlagen. Nach Settis gibt es drei große Problemkreise: den Ausverkauf der Kulturgüter; die angestrebte Beteiligung von profitorientierten Privatunternehmen an der Leitung von Museen und anderen Kultureinrichtungen; und die Praxis der nachträglichen Legalisierung illegaler Bautätigkeit in kulturgeschützten Gebieten. Der streitbare Professor, der in Pisa die Scuola Normale Superiore, ein universitäres Elite-Kolleg, leitet, führt sich bei seinem Kampf nicht wie ein aufgebrachter Anti-Berlusconi-Ritter auf, eher wie ein kühl analysierender Denker, der auch die linken Vorgängerregierungen, die bereits erste Breschen in den Kulturgüterschutz geschlagen haben, in die Vorwürfe einbezieht. Deshalb erkennt er einem neuen Kodex von Schutzgesetzen, den Kulturminister Urbani gerade verabschiedet hat, durchaus weitgehende positive Wirkungen zu. Der Kodex sieht vor, dass alle Kulturgüter in Staatsbesitz, die älter als 50 Jahre sind, zu schützen sind und der Prüfung durch die Denkmalschutzämter unterliegen. Allerdings zeichnen sich bereits erste Löcher in dieser Garantie ab: Verpflichtet sich der Käufer, die Schutzmaßnahmen seinerseits einzuhalten, können die Kulturgüter sehr wohl verkauft werden. Wer aber, fragt der Archäologe, soll das kontrollieren? Hier wie auch bei der möglichen Privatisierung von Museen, die der Kodex ebenfalls anstrebt, zeigt sich nach Meinung Settis' die gefährliche Kultur des Neoliberalismus": die Mythologie eines Marktes, der alles regeln kann, wird nicht angewendet, weil sie erfolgreich ist, sondern weil sie ideologisch in die Zeit passt. Ich kenne keine wirklich erfolgreiche Privatisierung, weder in Italien noch anderswo." Geradezu skandalös sei die rechtliche Unsicherheit durch sich widersprechende Gesetze: die Schutzregeln, die der Kodex aufstelle, reiße das Haushaltsgesetz mit seinem Passus über die stillschweigende Duldung" wieder ein. Abgesehen davon, unter keiner Regierung der vergangenen 50 Jahre ist das Prinzip des condono" (Straferlass gegen Bußgeldzahlung) in der Bauspekulation so auf die Spitze getrieben worden wie unter der von Berlusconi. Cui prodest, fragt Salvatore Settis und verweist auf die Bausünden etwa an der Casertanischen Küste, auf die Camorra und die wahnsinnigen Landschaftszerstörer im Namen einer Spekulation ohne Scham und ohne Grenzen." Italia maltratta" (Das misshandelte Italien) heißt ein gerade bei Laterza erscheinendes Buch des Journalisten Francesco Erbani, das viele Geschichten solcher Spekulationen erzählt. Ein harmloser Baustoff wird in diesen Geschichten zur gleichsam kultur- und landschaftszerstörenden Waffe: der Zement. Es ist kein Zufall, schreibt Erbani, dass der größte Teil der Zementproduktion in Süditalien in den Händen der Mafia und anderer krimineller Organisationen liege. Aber sein Buch handelt auch davon, wie durch wildes Wachstum der Städte in der Region Venetien eine einzigartige Kultur- und Villenlandschaft bereits unwiederbringlich vernichtet worden ist. Oder wie die ehemalige Modellstadt Bologna unter einer linken Kommunalverwaltung nach und nach Vorschriften zum Schutz der Umwelt und der Kulturgüter vernachlässigte und schließlich abbaute. Die Wahlniederlage der Linksdemokraten vor vier Jahren ausgerechnet in ihrer roten" Hochburg führt Erbani auch auf diese Politik zurück. In einer Rezension des Buches von Erbani erinnert Salvatore Settis an eine frühe Novelle von Dino Buzzati unter dem Titel Una Villa sull'Appia". Buzzati erzählt darin von einer Schauspielerin, die sich eine Villa zwischen die Ruinen der alten Römerstraße bauen lässt, dann aber von den Geistern, die in den antiken Ruinen hausen, vertrieben wird. Bald verfällt die Villa und verschwindet unter Gras, Moos und Büschen. Das Problem der Wirklichkeit im Vergleich zur Literatur ist umgekehrt: Italien scheint mehr und mehr von allen guten Geistern verlassen. TRADUZIONE : LO STATO DIVORA I SUOI TESORI. Il duello dell'Italia sulla vendita dei suoi beni culturali Mentre altri paesi riflettono su dove trovare mezzi finanziari per promuovere imprese culturali, l'Italia pensa a monetizzare una parte dei suoi beni culturali per sanare buchi di bilancio di altra pertinenza. Nel frattempo i fondi per la cultura rimangono ad un livello scandalosamente basso (0,33 del recente bilancio statale). L'enorme patrimonio di beni culturali che rende l'Italia da questo punto di vista forse il paese più ricco al mondo accanto a innumerevoli chiese e conventi si contano circa 40.000 rocche e castelli, 30.000 tenute, 4000 giardini storici, 2100 luoghi di scavo, 1000 centri storici di eccezionale importanza, una miriade di palazzi cittadini dei passati secoli e altro ancora risveglia anche desideri di trasformare in moneta sonante questa ricchezza. E questo in un paese, che con molte misure protezionistiche, che risalgono al xv secolo, certo è diventato un modello internazionale per la tutela dei beni culturali. Con crescente raccapriccio l'opinione pubblica italiana segue un tetro duello tra due membri del governo romano. Da un lato sta il ministro dei beni culturali, Giuliano Urbani, che è d'ufficio responsabile della tutela dei beni culturali, dall'altro il ministro dell'economia e delle finanze, Giulio Tremonti che vuole far risuonare la cassa. Questa è una lotta, che assomiglia alla gara tra la tartaruga e la lepre. Ogni volta che Urbani medita su misure di tutela, Tremonti dice: "Io sono già qui". E' stato così due anni fa, quando il ministro delle finanze faceva raccogliere di punto in bianco tutti i beni culturali di proprietà dello stato in una società per azioni, "Patrimonio dello Stato Spa", appositamente fondata, che ebbe l'incarico di vendere tutto quanto fosse possibile. Ed è stato così un anno fa, quando ugualmente Tremonti tentò di mettere fuori gioco gli uffici preposti alla tutela monumentale che fino ad allora avevano l'ultima parola per quel che concerne una possibile alienazione di beni statali (un palazzo cittadino barocco si vende assai più facilmente di un casermone del dopoguerra). E oggi? Nella recente legge finanziaria Tremonti ha contrabbandato un comma, secondo cui in previsione di alienazione di un bene culturale il silenzio della soprintendenza responsabile oltre 120 giorni è considerato come tacito permesso. Chi conosce le soprintendenze italiane, sovraccariche di lavoro, può facilmente figurarsi che in questo modo forse si può impedire la vendita del Colosseo, ma data la mancanza di catalogazione sistematica non quella di un bene paesaggistico fuori mano, di una cappella abbandonata o di un municipio poco noto. Uno che fin dall'inizio del periodo berlusconiano ammonisce sugli esiti distruttivi di questa gara lepre - tartaruga, è l'archeologo e storico dell'arte Salvatore Settis, originario della Calabria. Non solo il 63enne è celebre nella cerchia degli addetti ai lavori per la vastità dei suoi interessi dall'antichità all'età moderna, assai popolare è diventato un libro sull'enigma di Giorgione, La Tempesta, che è apparso in tedesco presso Wagenbach. Ora però Settis scrive libri di diverso contenuto: "Italia Spa" s'intitola il saggio pubblicato da Einaudi sull'assalto ai beni culturali, così il sottotitolo. L'immagine di copertina illustra con una pittura di Goya la tesi fondamentale di Settis: come Saturno dilania i propri figli così l'Italia rovina il suo retaggio culturale, la cui importanza non sta solo in beni eccezionali come gli Uffizi o il palazzo Ducale, ma nella molteplicità di innumerevoli chiese, ville e parchi. Secondo Settis, ci sono tre grandi ambiti di problemi: la svendita dei beni culturali, la tentata partecipazione di imprese private con scopo di lucro alla direzione di musei ed altre attività culturali e la prassi del condono di attività edilizie illegali in zone tutelate. Il pugnace professore, che dirige a Pisa la SNS, un collegio universitario di élite, si comporta nella sua battaglia non come un adirato cavaliere antiberlusconiano, ma piuttosto come un pensatore che freddamente analizza, che include nei suoi rimproveri anche i precedenti governi di sinistra che già avevano aperto i primi varchi nella tutela dei beni culturali. Perciò egli riconosce a un nuovo codice che il Ministro Urbani ha ora licenziato effetti largamente positivi. Il codice prevede che tutti i beni culturali di proprietà statale che siano più antichi di 50 anni siano da tutelare e da sottoporre alla verifica da parte delle soprintendenze. D'altro canto si profilano già le prime falle in questa garanzia. Se il compratore si impegna ad ottemperare da parte sua alle misure di tutela, i beni culturali potrebbero essere venduti. Chi però, chiede l'archeologo, potrà controllare? Qui come anche nella possibile privatizzazione dei musei cui il codice ugualmente aspira, si mostra secondo Settis la pericolosa 'cultura del neoliberismo': la mitologia di una mercato che può regolare tutto, non è applicata in quanto essa sia efficace, ma perché essa si adatta ideologicamente ai tempi. "Io non conosco nessuna privatizzazione realmente efficace, né in Italia né altrove". Del tutto scandalosa è l'incertezza giuridica fra leggi che si contraddicono: le regole di tutela, che il codice pone, la legge finanziaria le smantella con il suo articolo sul "silenzio assenso". A parte questo, sotto nessun governo dei passati 50 anni il principio del condono nella speculazione edilizia è stato spinto fino all'estremo come sotto quello di Berlusconi. Cui prodest, domanda Salvatore Settis e indica gli obbrobri architettonici della costa di Caserta, la "camorra e gli insani distruttori di paesaggi in nome di una speculazione senza vergogna e senza confini" . "Italia maltrattata" si intitola un libro appena apparso presso Laterza del giornalista Francesco Erbani che racconta molti episodi di tali speculazioni. Un inerme materiale da costruzione si trasforma in queste storie in arma distruttrice di cultura e paesaggio: il cemento. Non è un caso, scrive Erbani, che la maggior parte della produzione di cemento nell'Italia meridionale sia nelle mani della mafia e di altre organizzazioni criminali. Ma il suo libro tratta anche di come per la crescita selvaggia delle città nella regione Veneto sia stato già annientato irrimediabilmente un paesaggio culturale e di ville che costituisce un unicum. O come la città di Bologna, un tempo modello, sotto un'amministrazione comunale di sinistra abbia trascurato e alla fine soppresso le disposizioni per la tutela del contesto e dei beni culturali. Erbani riporta anche a questa politica la sconfitta elettorale dei democratici di sinistra quattro anni fa nella loro roccaforte rossa. In una recensione del libro di Erbani Salvatore Settis menziona una giovanile novella di Dino Buzzati, dal titolo "Una villa sull'Appia". Buzzati racconta qui di un'attrice che si fa costruire una villa tra le rovine dell'antica strada dei Romani, poi però viene cacciata dagli spiriti che albergano nelle antiche rovine. Improvvisamente la villa crolla e sparisce sotto l'erba, il muschio e i cespugli. Il problema della realtà nel confronto con la letteratura è rovesciato: l'Italia sembra sempre più abbandonata dai buoni spiriti.