07.04.2003 10:28 Kunsthistoriker Bredekamp Traumatisierung, Heroisierung und die Bildstrategien des Krieges: Ein Gespräch mit dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp Amerika ist seit dem Fall der Zwillingstürme eine angstbesessene Gesellschaft, die ihre Angst zu enttraumatisieren versucht. Der jüngste Irak-Krieg wird seit Beginn von der Frage begleitet, welche Rolle Bilder für die Wahrnehmung, aber auch für die Strategie spielen. Wir sprachen mit Horst Bredekamp, Kunsthistoriker an der Humboldt-Universität Berlin, der sich mit Bildern der Gewalt in verschiedenen Epochen beschäftigt hat. » We have long been waiting for the video game generation, now here they are. « SZ : Was halten Sie von der aktuellen Debatte um den Stellenwert der Bilder ? Bredekamp : Die Diskussion wird vor allem medientheoretisch geführt, und darin liegt ihre Stärke, aber auch ihre Blindheit. Wenn von einer Bildpolitik zu sprechen ist, dann in Bezug auf einen komplexen Rahmen, der sämtliche Bildmedien, auch die vormodernen, aktiviert. SZ : Aber hat nicht gerade dieser Krieg der eingebetteten" Reporter Virilios These neue Evidenz verschafft, dass Krieg und Kino wesensverwandt sind? Bredekamp : Erst dieser Tage war wieder von Virilio zu lesen, dass Bilder, und Kriegsbilder besonders, lügen: dass sie keinen Wahrheitsgehalt haben für die Substanz dessen, was sie abzubilden scheinen. Das ist eine Feststellung, die dem Wesen der Bilder nicht gerecht wird, weil sie sie mit unerfüllbaren Erwartungen belastet. Natürlich kann ein Krieg mit seinem Geruch, mit seinen Schmerzen in Bildern nicht angemessen wiedergegeben werden. Die mitfahrenden Reporter agieren daher bereits im Bewusstsein der Überbietung der Bildkritik. Nach dem simulierten Krieg, wie es der erste Golfkrieg zu sein vorgab ich erinnere mich an die Worte von General Schwarzkopff We have long been waiting for the video game generation, now here they are" nach der Illusion, dass ein Krieg simuliert, geführt und abgebildet werden kann, haben wir es jetzt mit Strategen zu tun, die eine solche Vorstellung als widerwärtig empfinden. Was jetzt versucht wird, ist eine Beseitigung der verräterischen Glanzes der Simulation durch den Schein einer authentischen Beteiligung mit ihrem Staub, ihrem Schlamm, aber auch dem Rausch des Schwimmens durch das nächtliche Wüstenmeer. Es sind bestimmte politische Interessen, auch philosophische Interessen von Seiten der Straussianer... SZ : ... Anhänger des Philosophen Leo Strauss? Bredekamp : ... ja, Leo Straussianer, die sich offenbar für den neuen Golfkrieg eine neue Bildstrategie überlegt haben, nämlich durch den mitfahrenden Reporter einen scheinbar Mitkämpfenden zu produzieren, der sich vom Heroismus der nächtlichen Wüstenfahrt und des Gefechts anstecken lässt und damit in einer hoch technologischen Situation den heroischen Einzelkämpfer wiederkehren lässt. Das ist das Gegenteil dessen, was im ersten Golfkrieg die verabredete Bildführung gewesen ist. Hier sind unterschiedliche politische und philosophische Ziele Bild geworden. » Die traumatische Verschiebung von Afghanistan und Al Quaida auf den Irak rührt auch daher, dass man etwas Glitzerndes besiegen musste, um den heilenden Triumph zu erleben. « SZ : Aber was ist daran typisch Straussianisch? Erleben wir nicht die Wiederkehr eines Ernst Jünger-Typs? Bredekamp : Es ist ein emphatisch angewendeter und banalisierter Strauss. Ausschlaggebend ist hier offenbar die Grundüberlegung, dass eine redende und sich entertainende Gesellschaft zu einer fundamentalen Selbstverteidigung nicht fähig ist. Das war die Analyse von Carl Schmitt wie auch von Strauss am Lebensabend der Demokratie von Weimar. Diese Lehre hat Strauss in den USA über zwei Generationen von politischen Theoretikern hinweg vermittelt. Es gehört zu den eigenartigen Volten der politischen Dogmengeschichte, dass Amerika gegenwärtig Elemente einer Theorie anwendet, die angesichts der Bedrohung der Demokratie der Weimarer Republik ersonnen wurde. Medientheoretisch wirkt sich das so aus, dass die Fernsehgesellschaft, die als Abbild einer modernen Demokratie gilt, von den Straussianern zugleich verachtet und virtuos benutzt wird. SZ : Mit anderen Worten, vor Bagdad werden nebenher auch der Dekonstruktivismus und der Poststrukturalismus vom Straussianismus erledigt? Bredekamp : So stellt es sich mir dar. Das mag eine wilde Konstruktion sein, aber sie steht in Einklang mit den für uns unerträglichen Reden in Bezug auf die Opferbereitschaft in einer Situation der Selbstverteidigung, mit der für uns nachgerade widerwärtigen Ansprache, die Bush vor der Militärakademie in Florida gehalten hat. Für uns sind alle dort verwendeten Konzepte unerträglich aber verständlich vor dem Hintergrund eines Konzepts, wonach die Demokratie in ihrer redenden und sich entertainenden Inaktivität und Entscheidungsferne nicht in der Lage ist, sich zu verteidigen und es also darauf ankommt, sie aus strategischen Gründen zu remetaphysieren". SZ : Aber hatte nicht auch die Gesellschaft des Entertainment, die den Krieg als Fortsetzung des Spaßes mit anderen Mitteln führte, etwas zutiefst Unerträgliches? Was ist das Unerträgliche an den neuen Konzepten? Bredekamp : Unerträglich ist für uns, dass eine Rhetorik, die der Demokratie als abträglich gilt, im Rahmen der Verteidigung der Demokratie wiederkehrt. All diese Vokabeln wie Opfer", Schlacht", Einzelkämpfer", und die allgemeine Militarisierung der Sprachen und Gesten, die im Rahmen einer Metaphysik der Selbstverteidigung der eigenen Kultur Urständ feiern, all das sind Begriffe und Verhaltensweisen, die wir uns verboten haben, weil sie etwas Unmenschliches haben, weil sie über die Selbstbestimmung und -bewahrung des Individuums hinaus gehen. Demgegenüber haben die embedded journalists" das Ziel, durch eine teilnehmend-mitkämpfende Präsenz das Kampferlebnis in einen neuen Heroismus zu überführen. Auch das ist natürlich Simulation, aber mit dem Ziel, diese unkenntlich zu machen. SZ : Im Nachwort Ihres Buches über Hobbes Leviathan" deuten Sie an, dass die Bilder des 11.September Anlass geben werden für neue Kriege. Wo sehen Sie den Zusammenhang? Bredekamp : Es wird gegenwärtig viel vom Bilderkrieg gesprochen; dabei wird übersehen, dass es zwischen den Graden der Bildprägung fundamentale Unterschiede gibt, die Thomas Hobbes scharf zugespitzt hat. Ihm zufolge gibt es Bilder, die Erinnerungszeichen sind, also marks", und einige Bilder, die in unmittelbare Handlungsanweisungen umspringen, das sind signs". Signs" sind prägende Bilder, die ein Leben lang nicht vergessen werden und einen unmittelbaren Handlungszwang bedeuten, gegenüber dem schwer zu argumentieren ist. Signs" dieser Art waren die beiden entscheidenden Bilder der letzten zwei Jahre: die Zerstörung der Bhuddastatuen im Februar 2001 und der Sturz der Zwillingstürme von Manhattan. Dieses sign" hat zur Veränderung der politischen Rhetorik insgesamt und in letzter Konsequenz zur Reheroisierung des Krieges geführt. SZ : In diesem Zusammenhang gebrauchen Sie einen Begriff, der tiefer in die Kybernetik der Demokratien einzugreifen scheint als es Bilder als Mittel der Propaganda tun. Sie reden von der Angststeuerung" durch die Bilder. Bredekamp : Es ist der zentrale Begriff des Leviathan" selbst. In einer Passage dieser Schrift bezieht Thomas Hobbes sich auf die Erscheinung des Leviathan, über den es bei Hiob heißt, dass vor ihm die Angst tanzt". Es ist die vor den Menschen tanzende Urangst, die jenseits aller rationalen Argumentationen in Tiefenschichten dringt und einen Prozess bewirkt, den man nicht beweisen kann, der aber möglicherweise darum so energetisch wirkt. Seit dem Sturz der Zwillingstürme tanzt Amerika vor der eigenen Angst angesichts der in Panik davonlaufenden Menschenmassen. Dies ist das Angstzeichen, das tief, um Ihr Wort aufzunehmen, in die Kybernetik der politischen Reflexion eingedrungen ist. Amerika ist seit dem Fall der Zwillingstürme eine angstbesessene Gesellschaft, die ihre Angst zu enttraumatisieren versucht. SZ : Aber haben die USA ihre Traumabewältigung nicht im afghanischen Feldzug bereits geleistet? Bredekamp : Afghanistan war nicht ansatzweise in der Lage, diese Art der Verwundung Amerikas zu heilen". Dieser Sieg war zu erwartbar, zu wenig triumphalistisch... SZ : ...zumal er nicht komplett war, da man Osama bin Laden nicht gefangen hat. Wenn man an ihm Rache genommen oder Gerechtigkeit geübt hätte, hätte die Sache dann anders ausgesehen? Bredekamp : Es mag eine absurde Idee sein, aber es findet sich in Afghanistan nichts, was dem Glanz Manhattans vergleichbar ist. Die traumatische Verschiebung von Afghanistan und Al Quaida auf den Irak rührt auch daher, dass man etwas Glitzerndes besiegen musste, um den heilenden Triumph zu erleben. SZ : Das heißt, es geht nicht um den Körper des Verbrechers, er heiße Osama bin Laden oder Saddam Hussein, sondern es geht Augen um Auge, Stadt um Stadt, New York gegen Bagdad? Bredekamp : So unerträglich der Gedanke angesichts des Grauens des Krieges ist: Es geht um eine traumatische Verschiebung. Niemals kann ein Trauma am selben Objekt bewältigt werden. Das ist der Unterschied zur Bewältigung des Attentats. In vormodernen Zeiten konnte das Attentat geheilt" werden durch Tötung und Zergliederung des Attentäters wie in dem von Foucault beschriebenen Fall des Königsmörders Damiens. Hier hingegen findet eine Traumabewältigung" statt, die über eine Verschiebung gelingen soll. Um die Wunde in diesem symbolischen Körper zu heilen, läuft eine Traumaverschiebung ab, und wenn bisweilen Bagdad als Hauptstadt Afghanistans bezeichnet wurde, dann war dies mehr als geographische Ignoranz. SZ : Wie erklärt sich denn die Gleichzeitigkeit eines Handelns tief im Symbolischen, sozusagen an den Angstwurzeln des Symbolischen, und eines rationalen Diskurses der Straussianer , wie er rationaler nicht sein kann? Bredekamp : Es kommt für die dritte Generation der Straussianer offenbar darauf an, den metaphysisch begründeten Angriffen von Feinden auf einer Ebene zu begegnen, die ihrerseits jenseits der Banalität etwa des Ökonomischen liegt. Die metaphysischen Gegnerschaften der Demokratie, so ihre Überzeugung, kann man nur mit ihren eigenen Waffen schlagen. Und da die Moderne einen erfolgreichen Kampf gegen alles Metaphysische geführt habe, muss man aus Gründen der Selbstverteidigung von Demokratie durch die Gruppe der Illuminierten eine neue Metaphysik in den öffentlichen Angstdiskurs zurückbringen. Interview: Ulrich Raulff