Es waren nur drei Worte, hingeschrieben 1959 von einem Unbekannten auf eine Mauer in der Pariser Rue de Seine, aber sie haben Geschichte gemacht: Ne travaillez jamais!" - Arbeit? Niemals! Das Graffito spann das alte marxistische Alltagsideal von der Abschaffung entfremdeter Lohnarbeit fort - und wurde bald zum Slogan der europäischen Avantgardebewegung der Situationisten. Diese einflussreiche Künstlergruppe erprobte mit ihren Aktionen eine Revolte gegen die Technokratie und Warenförmigkeit der modernen Gesellschaft des Spektakels". Doch der Traum vom konsumfreien Dorado, wo nur die Sehnsüchte und Genüsse des einzelnen zählen, ist heute mittlerweile selbst ein Modeartikel, zitierfähig geworden selbst auf der bedeutendsten Kunstmesse der Gegenwart, der Art Basel (noch bis zum 20. Juni). Man findet das legendäre Graffito im ersten Stock der großen Messehalle 2, winzig klein auf eine Mauer aus groben Pflastersteinen geschrieben. Der thailändische Künstler Rirkrit Tiravanija hat die Barriere aufgetürmt; sie verschließt den Zugang zur Koje der Berliner Galerie neugerriemschneider. Da haben die beiden Berliner Galeristen also die extrem harte Tür des Basler Kunstmessen-Komitees überwunden -von 830 Bewerbern wurden in diesem Jahr gerade mal 275 zugelassen -, haben außerdem die horrend teure Kojenmiete bezahlt, und nun stehen all die Sammler, Kuratoren und Museumsdirektoren, die eben noch die Messetreppen hochrannten, um sich auch ja als erste Kunstschnäppchen von Jorge Pardo oder David Thorpe zu sichern, vor der Mauer und wundern sich. Oder sie schmunzeln. Denn natürlich ist Tirvanijas Intervention käuflich erwerbbar, und auf ihrer Einladungskarte hat die Galerie durchaus noch andere Künstler angegeben, deren Arbeiten per Scheck den Besitzer wechseln können. Insofern ist Tirvanijas gezielt platzierte Mauer mit dem Situationistenspruch ein gelungenen Kommentar auf den Stellenwert, den Kunstmessen wie der Basler Marktplatz genießen. Selbst eine rebellische Verweigerungsgeste lässt sich mühelos in den größten Grabbeltisch des globalisierten Geldanlage-Betriebs einspeisen - Ne travaillez jamais!", das ist heute wirklich nur mehr der Seufzer eines vom Nomadentum erschöpften Kunst-Aficiniados. Im Ozean des Kunstbetriebs waren die Werke seit jeher nur der glitzernde Oberflächenschein; darunter flössen nicht erst seit der Dynastie der Medici gewaltige finanzielle Subströme, die jene Wellen und Kräuselungen überhaupt erst auslösten und mit sich trugen. Das unerbittliche Tauschgesetz der Kunstwelt ist aber immer auch ein Qualitätsindikator gewesen, seit Jahrhunderten dokumentiert in minutiös formulierten Aufträgen, die es zu erfüllen galt. Im stürmischen Kunstmarkt der Gegenwart mag so manches Werk überteuert angeboten werden, seit Jahren wird davon gesprochen, dass die Blase bald platzt", aber im Grundsatz gilt immer noch: Gekauft wird, was sein Geld auch wert ist. Die Macht der Galeristen Gerade in diesem Jahr wurde es deutlicher denn je: Basel ist allemal das bessere Venedig. Während die in der vergangenen Woche eröffnete Biennale mit ihrem Mystik-Ambiente im Arsenale in wirklichkeitsferne Wunschwelten zwischen Duftkerzen und Räucherstäbchen abtauchte, hat die nüchterne, ehrliche Struktur zwischen Angebot und Nachfrage in Basel zur Eröffnung am Mittwoch mit das Beste hervorgespült, was an zeitgenössischer Kunst zu haben ist. Keine Galerie kann es sich hier leisten, zweitklassige Ware auszustellen: Sie würde im nächsten Jahr nicht mehr zugelassen. Dagegen sehen die Ausstellungen der beiden spanischen Kuratorinnen in Venedig jenseits vom Kunst-Grand-Prix der Länderpavillons leider äußerst blass aus: In ihrer Schau Die Erfahrung der Kunst" setzt Maria de Corral auf museale Beliebigkeit an weißgetünchten Wänden, im Arsenale, wo die Biennale-erprobte Rosa Martinez kuratierte, wabern, gleichsam als kleinster gemeinsamer Nenner der gegenwärtigen Umbruchstimmung in Kunst und Gesellschaft, religiöse Symbole durch die Räume (SZ vom 12. Juni). Doch die wahren Herrscher des Betriebs sind heute nicht die Kuratoren, sondern die Kunsthändler. Ohne sie wären heute weder Biennalen noch Museumsausstellungen möglich. Nicht selten bezahlen sie auch Atelierproduktion und Transport der Werke, die dann auf den vermeintlich zweckfreien Kunst-Schauplätzen in Venedig und anderswo gezeigt werden. Der Galerist Ivan Wirth, der den Künstler Paul McCarthy und auch Pipilotti Rist vertritt, die in der venezianischen Kirche San Stae einen großen Auftritt feierte, ist so erfolgreich, dass er kürzlich sein Hauptquartier von Zürich nach London verlegt hat. Wirth mietete mehrere Jets, die interessierte Sammler und Museumsleute von der Lagune nach München transportierte. Dort fand am vergangenen Wochenende im Haus der Kunst die Eröffnung der Paul-McCarthy-Schau LaLa Land Parodie Paradies" statt (SZ vom 13. Juni). In Basel war sie Tagesgespräch; man war sich einig: McCarthys furiose Reise durch die Welt amerikanischer Mythen im Münchner Troost-Tempel ist eine der besten Museumsschauen der vergangenen Jahre. Berlusconis Fett Für Herstellung und Verschiffung von McCarthys mächtigen Installationen mussten gewaltige Geldsummen bereitgestellt werden: Würden Privatsammler oder Museen nicht einzelne Arbeiten der Münchner Schau erwerben können, sie wäre kaum zu finanzieren gewesen. Die Jets flogen dann übrigens noch weiter, von München nach Basel. Messen sind die neuen Biennalen", so schrieb der amerikanische Kritiker Jerry Saltz schon vor Jahren. Der Aphorismus trifft in diesem Jahr einmal mehr zu: Arbeiten von Santiago Sierra. Thomas Ruff. Rivane Neuenschwander oder Mark Wallinger, soeben noch in Venedig ausgestellt, sind nun in Basel käuflich erwerbbar. Zu erhöhten Preisen. Das ist legitim: In Basel wird nur offenbar, was in Venedig durch kuratorische Gesten verschleiert wurde. Gerüchteweise durften de Corral und Martinez in der Lagune nur einen Teil ihres ohnehin knappen Etats ausgeben. Zugeschossen haben wie immer die Galeristen und so mancher Mäzen. Nun wollen die Händler auch etwas von ihren Investitionen haben. Künstler wie der Schweizer Gianni Motti, dessen Arbeit in Venedig aufgrund administrativer Einmischung nur teilweise verwirklicht werden durfte - er plante einen Gerichtscontainer aus Guantanamo im Hafenbecken zu versenken - feiert nun in Basel gleich zwei vieldiskutierte Auftritte: In der Installations-Schau Art Unlimited" sieht man einen traurigen Mann in Nadelstreifen in einer vergitterten Mini-Zelle sitzen. Reden kann man mit ihm nicht: Er darf nur via SMS-Botschaft kommunizieren. Das Werk heißt Der Broker" - da dürfte sich 50 mancher Kunstkäufer, der sich verspekuliert hat, ertappt fühlen. Bei Ars Futura von Senger zeigt Motti, den die Weltwoche kürzlich einen genialen Einbrecher" nannte, ein Stück Seife. Es handelt sich, so versichert der Galerist, um Fett, dass dem italienischen Ministerpräsidenten in einer kosmetischen Klinik abgesaugt wurde. Das Werk trägt den Titel ,.Mani pulite", saubere Hände, wie der Korruptionsskandal, der Italiens Schmiergeldsystem offenlegte und zum Mord des Richters Falcone führte. Die plastische Korrektur Berlusconis hat übrigens anscheinend wirklich stattgefunden: Der behandelnde Arzt in Italien hat Motti inzwischen aufgefordert, die Seife auf ihren genetischen Code hin überprüfen zu lassen. Motti hat zugestimmt. So ist also in Basel, auf dem luziden Terrain des Warenkreislaufs, möglich, was in Venedig nicht gelang: Auch unbequeme Künstler-Interventionen in Politik und Gesellschaft sind zugelassen. Gregor Schneiders gescheiterter Plan, auf dem Markusplatz in Venedig eine schwarze Kaaba zu errichten, wurde auf der Messe in durchaus seriösen Zirkeln erregt diskutiert. Nie war also der Kunstmarkt mächtiger als heute. Doch so leidenschaftslos und perfekt der Betrieb auch widerständigste Kunst integriert, so kühl legt er offen, wenn von einem Kunstwerk einmal nichts bleibt als sein Gegenwert in bar. In Venedig hatte Santiago Sierra am Eingang des Arsenale noch akustisch aufgelistet, welche Länder nicht an der Kunstbiennale teilnehmen (Nummer 238: Pakistan"). In Basel gibt es die Sound-Arbeit als Edition, vulgo: als CD zu kaufen. Doch macht das Werk außerhalb der Lagune keinen Sinn mehr. Kaum fertig, schon Geschichte: So unerbittlich kann der Markt heute sein.
Süddeutsche Zeitung
17 Giugno 2005
✓ Entità verificate
Nie mächtiger, nie besser. Venedig, München, Basel: Das Geld regiert den Kunstbetrieb
HO
Holger Liebs
Süddeutsche Zeitung
Artista / Persona
Bene culturale
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