Das Timing hätte nicht besser sein können. Am vergangenen Wochenende ist in Italien der Spielfilm Viva la libertà" (Es lebe die Freiheit) angelaufen, in dem Regisseur Roberto Andò eine alte Geschichte in neuem Gewand erzählt. Es geht um den Wahlkampf einer großen linken Oppositionspartei, diemit ihren Slogans und Leerformeln bei den Wählern jeden Rückhalt verlorenhat. Ihrmüderundungläubigwirkender Spitzenkandidat Enrico taucht unerwartet unter, nachdem er auf einer öffentlichenVeranstaltung verhöhntundbeschimpft worden war. In der Not wendet man sich an seinen Zwillingsbruder Giovanni, einen Intellektuellen, der kurz zuvornoch in einer psychiatrischen Klinik behandelt worden war. Giovanni springt ein und wird Enrico. Er begeistert die Menschen mit seiner Leidenschaft und gibt ihnen bei öffentlichen Auftritten den Glauben an eine gestaltbare Zukunft zurück. Der wirkliche Enrico in der Doppelrolle überzeugt als Darsteller ein wundervoller Toni Servilloist nach Frankreich geflüchtet und sucht dort imKontakt mit einer Jugendfreundinwieder sich selbstundeinauthentisches Lebensgefühl. Durch Zeitungen erfährt er, wie sein Zwillingsbruder, der Brecht zitiert und Schubert spielt, die Stimmunghat drehenkönnenunddiePartei dieWahlengewinnt.Soweit dieKino-Parabel. Solch einen exzentrisch auftretenden wie kulturbeflissenen Kandidaten wird manimgegenwärtigen italienischen Wahlkampf nicht finden schon gar nicht im Milieu des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) Wenn überhaupt ähnelt ihm ein bisschen der Komiker Beppe Grillo, der mit seiner heterogen-populistischen Bewegung 5 Stelle die Lagergrenzen sprengtunddemPDbei derWahlamSonntag und Montag Stimmen wegnehmen könnte, welche die größte Linkspartei des Landes für eine breite Regierungsmehrheit dringend benötigt. Der65-jährige Grillo ähnelt Giovanni auch in der Ablehnung des Mediums Fernsehens und hat den direkten Kontakt mit den Zuhörern auf der Piazza wieder entdeckt.TV-Interviews verweigert er. Aber selbst ein BeppeGrillo, der eher das wütende Italien repräsentiert, lässt bei seinen schrill-lauten Auftritten (zuletzt vor 30 000 Anhängern in Turin) vergessen, dass er eigentlich ein Mann der Kultur ist. Wie überhaupt kulturelle Themen und Probleme in diesem Wahlkampf keine, absolut keine Rolle spielen. Dabei liegen sie auf der Straßeunddas nicht erst seit gestern. Von einem ausstehenden Gesetz über die Leseförderung (45 Prozent der Bevölkerung hat von Schullektüre abgesehen im vergangenen Jahr kein Buch gelesen) bis zu einer systematischen Neuordnung der staatlich geförderten Opernhäusern, die von einer Finanzkrise in die andere taumeln. Es fehlen Möglichkeiten zur Steuerabschreibung für Spendengeldern bei Kulturprojekten, der Erhalt von Bibliotheken mit ihren historischen Sammlungen ist gefährdet, Kulturgüter leiden nicht nur in Pompeji unter einem Mangel an Aufsicht und Instandhaltung. Die Denkmalschutzämter sind total unterbesetzt und das wenige Personal ist unterbezahlt. Der Direktoretwader staatlichen Uffizien verdient keine 22 000 Euro im Jahr. Wer das Glück hat in einer reichen autonomen Provinz wie dem Trentino ein Museum zu leiten kommt auf über 170 000 Euro jährlich. Dramatisch ist der Zustand der Wissenschaften, die Einschreibung an die Universitäten gehen zurück, und wer als Wissenschaftler etwas erreichen will, wandert ins Ausland ab. Vor wenigen Tagen hat die italienische Rektorenkonferenz ein Appell veröffentlicht, in dem sie vor allen Steuererleichterungen, eine größere Autonomie und bessere Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft einklagt. Vor allem aber: Jede Sekunde frisst der Zement acht Quadrat meter Italien" betitelte kürzlich die römischen Tageszeitung la Repubblica einen Beitrag, indem der Historiker und Altertumswissenschaftler Salvatore Settis den Raubbau an natürlicher Bodenfläche, die Bedrohung der Kulturgüter und die Untätigkeit der politischen Führung beklagte. Settis, den manche in der kommenden Regierung als Kulturminister sehen möchten, veröffentlichte außerdem in der Wochenzeitschrift L'Espresso eine Art offenen Brief an den künftigen Premierminister, in dem er Prioritäten für die Kulturpolitik setzt. An erste Stelle steht in einem Land, in dem Vulkane ausbrechen, die Erde bebt und der Boden bei Unwettern ins Rutschen kommt, der Schutz der Umwelt und die Sicherung des Territoriums. Zum Schutz der Umwelt gehört die vorsorgliche Landschaftspflege wie die Förderung von nachhaltiger Agrarwirtschaft und natürlich die Sicherung und pflegliche Nutzung von Kulturgütern. Das wären Maßnahmen, die Arbeitsplätze schaffen und sich als ökonomisch sinnvoll erweisen. Die Zukunft des Landes, so Settis, hänge des weiteren von drei Faktoren ab: langfristige Zielsetzungen, Ausbildung der Jugend und Förderung kreativer Energien. Das bedeute Wiedergewinnung einer zentralen Rolle für die staatlichen Schulen, Stärkung und Entbürokratisierung der Universitäten wie der Forschung. Man müsse aufhören, diese Bereiche durch kontinuierliche Kürzung der Finanzmittel kaputt zu sparen. Kultur und Wissenschaft sind laut Artikelneunder italienischen Verfassung ein Grundrecht. Es sei Zeit, schreibt der Historiker, den Gegensatz zwischen der von allen anerkannten Notwendigkeit, die Bilanzen zu sanieren, und die von vielen vernachlässigte Pflicht, das Verfassungsrecht zu respektieren, offen zu diskutieren". Italien müsse sich hierbei auf die kreativen Energien seiner Bürger stützen, die in unserer Geschichte, in Kunst und Kultur eine unerschöpfliche Quelle haben". Wer diese Quelle vergesse, würde auf verbrecherische Art" das Land seiner Identität berauben und den Menschen die Zukunft verbauen. Auf die Bedeutung der Kultur für die Identität und den Zusammenhang der Nation gerade in Zeitenwirtschaftlicher Krisen spielten auch der Moral philosoph Roberto Esposito und der Soziologe Ernesto Galli della Loggia an, die im Corriere della Sera die Einrichtung eines wirklichen" Kulturministeriums einklagten. Die jetzige Behörde würde sich vorwiegend technischen Fragen stellen und keine Werte verteidigen und Ziele setzen. Das zukünftige Ministerium, so die Autoren, sollte die Rolle Italiens in Europa neu definieren. Eine weniger politisch institutionelle aber dafür ideelle und humane Rolle. Eine kulturelle Rolle eben." Man dürfe keine Angst haben, dass so ein Propagandaministerium wie im Faschismus entstehen könnte. Diese Zeiten seien vorbei, und wie lange wollen wir aus Angst weiter untätig verharren?" Walter Santagata, der an der Universität Turin Ökonomie der Kultur unterrichtet, fordert dagegen die stärkere Einbindung der kreativen Industrien" (Mode, Design, KommunikationPR) sowie digitaler Systemein die Verantwortung des Kulturministers. Dazu eine größere Koordination der Museen auf den verschiedenen Ebenen der öffentlichen Verwaltung (Staat, Region, Provinz, Kommune) und Verschlankung der Bürokratien. Die Kulturgütervereinigung FAI verlangt wie andere auch von einer neuen Regierung die Anhebung des Kulturetats auf mindestens ein Prozent des Gesamthaushaltes (in den vergangenen zehn Jahren ist er von 0,6 auf 0,2 Prozent gesunken). Vieles in der Forderungen von Settis bis Santagata bleibt vage, anderes (wie der Ruf nach mehr Marketing-Denken und Management- Methoden in den Kulturbehörden) wird kontrovers diskutiert. Doch dringt diese Debatte kaum in die breite Öffentlichkeit, sie geistert wie eine stille Post durch eher geschlossene Zirkel, manche Sonntagsbeilagen der Zeitungen oder verstreute Internet-Blogs. Während Stichworte wie Steuersenkungen, Bankenkontrolle oder föderale Finanzwirtschaft im Wahlkampflärm herumfliegen, die Kandidaten in den Medien persönliche Angriffe austauschen und sich immer mehr eine antieuropäische Stimmung ausbreitet. Immerhin gelang es dem Mailänder Wirtschaftsblatt Il Sole 24 Ore, den Spitzenkandidaten Fragen zur Kulturpolitik zu stellen. Die Antworten waren so allgemeingültig wie ernüchternd. Mario Monti sieht etwa den Kulturgüter- und Landschaftsschutz vor allem im Dienst der Entwicklung des Tourismus. Pier Luigi Bersani (PD) fordert mehr Geld für die Kultur sowie ein nationales Wissenschaftsprogramm". Silvio Berlusconi verweist stolz darauf, dass unter seiner Regierung ein italienisches Museum in Peking eröffnete sowie ein chinesisches in Rom. Und möchte in der Wissenschaft mehr Exzellenzprojekte unterstützen. Eine Frage der politischen Kultur schließlich steht für die Intellektuellenvereinigung Libertà e Giustizia" im Vordergrund. Zum Ende eines dramatisch gefährlichen Wahlkampfes", schreiben der Schriftsteller Umberto Eco und der frühere Präsident des Verfassungsgerichtes Gustavo Zagrebelsky in einem Aufruf über die Bedrohung durch Populismus und Isolationismus, wie sie etwa bei Berlusconi sichtbar werde. Dessen mögliche Rückkehr an die Macht beobachte die gesamte Welt mit Schrecken". Umberto Eco und Gustavo Zagrebelsky rufen deshalb vor allem Jugendliche, Skeptiker und Idealisten auf, trotz eines erbärmlichen Bildes, das die Politik gegenwärtig in Italien liefere, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen und den Populisten jeder Couleu reine Abfuhr zu erteilen. Und sich auch nach der Wahl aktiv und kritisch mit der neuen Regierung auseinander zu setzen. Es komme darauf an als Staatsbürger zu lernen, zu fordern und zu protestieren, Netze und Beziehungen zu knüpfen und die eigene Stimmehörbar zu machen." Die Wahl am 24. und 25. Februar sei nur ein erster, wenn auch unerlässlicher Schritt zur Erneuerung der politischen Kultur in Italien. Roberto Andò, der Regisseur von Viva la libertà", gibt sich gleichwohl optimistisch und glaubt an die Italiener, die aus dem Gatter ausbrechen wollen, in das sie die Politik gesperrt hat". Er fügt aber Camus paraphrasierend in einem Gespräch mit la Repubblica hinzu, wenn es keine Hoffnung gebe, müsse man sie sich eben erfinden. So wie sich eine Partei, die mit ihrem Enrico nicht glücklich wird, einen Giovanni suchen sollte. HENNING KLÜVER
Süddeutsche Zeitung
20 Febbraio 2013
Kultur im italienischen Wahlkampf kommt zu kurz
HE
Henning Klüver
Süddeutsche Zeitung
Artista / Persona
Bene culturale
Luogo
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