Mario Montis schmerzhafte Steuererhöhungen treffen in Italien vor allem die halben Habenichtse. Studentenproteste auf Roms Strassen. Mario Montis schmerzhafte Steuererhöhungen treffen in Italien vor allem die halben Habenichtse. Studentenproteste auf Roms Strassen. (Bild: Jean-Marc Caimi Redux laif) Ein Jahr lang hofften viele Italiener auf Mario Monti, doch zu viele wurden enttäuscht. Zwar haben sich das internationale Prestige und die Zahlungsbilanzen des Landes verbessert, aber im täglichen Leben hat sich fast alles verschlechtert. Merken E-Mail Drucken Franz Haas Laut einem italienischen Gemeinplatz waren unter dem Faschismus die Züge und die Briefträger besonders pünktlich. Demnach wäre das Land jetzt weit entfernt von faschistischer Gefahr, denn schon sehr lange waren die Pendlerzüge nicht mehr in so miserablem Zustand wie jetzt, wo sie im Schatten der wenigen Hochgeschwindigkeitsstrecken dahinbummeln. Und die Briefträger sind vermutlich nicht fauler geworden, aber viele ihrer Stellen wurden eingespart, und ihr Service ist so erbärmlich wie noch nie: In Rom kommt die internationale Ausgabe der NZZ mit schöner anarchischer Regelmässigkeit nur noch alle acht bis zehn Tage an, als dicker verschnürter Packen mit vielen alten Neuigkeiten aus der Welt. Magere Bilanzen Solch einzelne Zeichen von zivilem Zerfall mögen Zufall sein, in ihrer Summe überschreiten sie jedoch die Alarmschwelle, die in Italien immer schon sehr hoch lag, die aber im Propagandanebel der letzten zwei Berlusconi-Jahrzehnte kaum mehr zu erkennen war. Als der skandalöse Politclown nach einer verheerenden Bilanz im November 2011 von Mario Monti abgelöst wurde, ging durch ganz Italien ein Aufatmen, das dann nach und nach zu einem Hecheln wurde. Zwar bekam Monti internationalen Beifall von Regierungen und Börsen, und es sank der von seinen Technokraten vielbeschworene «spread» (die Renditedifferenz zwischen italienischen und deutschen Staatsanleihen, ein Ausdruck, den davor kaum ein Italiener kannte), aber die Bilanzen des Durchschnittsverdieners wurden noch magerer. Monti hatte das Land in katastrophalem Zustand von Berlusconi übernommen, nicht jedoch dessen Zauberstab und die populistische Unverfrorenheit. Schmerzhaft hob er die Steuern an, traf aber vor allem die halben Habenichtse, die sich nun ihre mühsam ersparten Eigentumswohnungen kaum noch leisten können, während die notorischen Sünder in den höheren Regionen fast ungeschoren blieben. Die Inflation kroch wieder über die Dreiprozentgrenze, während die Gehälter im öffentlichen Dienst schon seit zweieinhalb Jahren eingefroren sind, und die Arbeitslosigkeit stieg langsam, aber quälend. Kein Wunder, dass 2012 die Autokäufe um zwanzig Prozent absackten, ebenso die jüngsten Weihnachtsgeschäfte. Was es zwischen Weihnachten und Neujahr im Überfluss gab, war der predigende Berlusconi auf allen TV-Kanälen, der erneut seine Rückkehr und Wunder anpries, ein überwunden geglaubter Albtraum. Seit Mario Monti im Dezember zurückgetreten ist und für den 24. Februar Neuwahlen festgelegt wurden, ist die wilde Achterbahn der Demoskopen wieder in Betrieb. Vorhersagen sind auch deshalb so schwierig, weil im rhetorischen Nebel der Politiker ständig neue Seilschaften gebildet werden und nur mit verdeckten Karten um Koalitionen gepokert wird. Gerade von Professor Monti hätte man sich mehr Klarheit erwartet. Er zögerte wochenlang, veröffentlichte dann eine schwammige «Agenda» und verkündete erst Anfang Januar, als Berlusconi schon aus allen Propaganda-Geschützen feuerte, die Bildung einer eigenen Wahlliste mit der krausen Bezeichnung «Scelta civica con Monti per l'Italia». Egozentrisch deutlich ist in seinem Logo nur der überdimensionale Name geraten, umso professoral verschwommener sind die Absichten dieser «bürgerlichen Entscheidung». Seine ersten Fernsehauftritte als Wahlkämpfer waren von einer anrührend hilflosen Ehrlichkeit, ebenso wie die ersten Gehversuche im Internet bei einer Twitter-Stunde mit Fans, wobei dem trocken-ernsten Mann sogar ein paar Smileys entkamen. Die Macht des Netzes Bei aller Vorsicht gegenüber Prognosen sieht es im Moment so aus, als habe selbst im TV-trunkenen Italien das Internet die Führung bei der Meinungsbildung übernommen. Berlusconis Gunst scheint trotz seiner Fernseh-Übermacht im Sinken, während der Komiker Beppe Grillo nur im Netz und sehr erfolgreich Stimmen für seine piratenhafte Partei fischt. Gemeinsam haben Grillo und Berlusconi bloss den marktschreierischen Populismus. Neben ihnen wird sich Monti mit stilleren Methoden positionieren, auch wenn er in den letzten Tagen gelernt hat, allen kritische Hiebe auszuteilen, vor allem Berlusconi, aber auch dem Sozialdemokraten Pierluigi Bersani. Dieser wird wohl mit Abstand die Wahlen gewinnen, aber nicht hoch genug, um in beiden Kammern die Mehrheit zu haben, auch nicht zusammen mit seinem weiter links stehenden Bündnispartner Nichi Vendola. Also wird sich der Schleiertanz um mögliche Koalitionen vermutlich noch lange über den Wahltermin hinausziehen, hinein in einen sonnigen und trotzdem frostig-trüben Frühling. Als Mario Monti mit seiner Kandidatur zögerte, bekam er vielerlei aufmunternden Beifall, den Segen des Papstes und der bürgerlichen Zeitungen. Nun, nachdem er sein Sparprogramm etwas weniger schleierhaft präsentiert hat und deutlich wird, dass dabei vor allem die Unter- und die Mittelschicht gerupft werden sollen, da machen sich sogar höchste Vertreter der katholischen Kirche Sorgen um die «soziale Gerechtigkeit». Angelo Bagnasco, der Erzbischof von Genua und Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz, redete ein wenig um den Brei herum, nannte die Sünde und nicht den Sünder, sagte aber doch, dass eine gute «Agenda» eigentlich den «Sozialstaat retten» sollte. Vor Zeiten musste sich Berlusconi ähnliche Predigten anhören. Um die Rückkehr der Katastrophe Berlusconi zu verhindern, wäre eine Koalition zwischen Bersani und Monti sinnvoll, doch dieser hat schon gesagt, dass jener dafür seinen Bündnispartner, den praktizierenden Katholiken Vendola, fallenlassen müsste, der nach Meinung des Professors zu «linksradikal» ist und vor allem zu viel «Sozialstaat» fordert. Zudem sagte Monti, er würde nur die Rolle des Regierungschefs akzeptieren, auch in einer Koalition mit einem «Juniorpartner», der wohl mehr als doppelt so viele Stimmen als er bekommen wird. Im Trüben bleibt dabei, wo hier die Grenze zwischen Arroganz und politischer Unerfahrenheit liegt. Klar ist aber, dass unter solchen Vorzeichen dem Belpaese hässliche Zeiten bevorstehen. Zerbröckelndes Sozialwesen Das soziale Gewebe des Staates geht derweil den Bach hinunter. In Rom verstreicht keine Woche ohne erbitterte Demonstrationen gegen irgendeinen Notstand im Land: schliessende Krankenhäuser, überforderte Notambulanzen, stillgelegte Fabriken, massenhaft delogierte Familien. Die zwei veralteten U-Bahn-Linien der Viermillionenstadt rumpeln von einem Ausfall zum nächsten. Massenweise sperren traditionelle Geschäfte zu und werden ersetzt durch elektronische Spielkasinos und die nun allgegenwärtigen Läden, die mit «Kaufe Gold» locken. Zu solchen Einzelkatastrophen kommen die chronischen Leiden wie der stetige Abbau des öffentlichen Schulsystems, die monströse und kostspielige Bürokratie bei der Vergabe von Stellen für Lehrer. In den Wahlprogrammen aller Parteien ist vollmundig die Rede von der «Digitalisierung des Unterrichts», worüber erfahrene Lehrer nur lachen oder sich ärgern können. Denn in der italienischen Durchschnittsschule gibt es weit weniger funktionierende Computer als zerbröckelnde Klassenzimmer. Der Schriftsteller Andrea Bajani hat kürzlich den jämmerlichen Zustand der Schulen beklagt, die in vielen Fällen nur durch den privaten Einsatz der Familien wenigstens halbwegs funktionieren. Hunderttausende von angehenden Lehrern lassen sich bei Spottgehältern mit prekären Anstellungen hinhalten, während das Unterrichtsministerium erneut Stellen ausschreibt, die es gar nicht geben wird. Und Universitäten bieten neuerdings fertigen Akademikern mit Hoffnung auf einen fixen Job gegen saftige Bezahlung Fachkurse für zukünftige Lehrer an was ein verdruckster Schwindel ist, denn solche Stellen werden nur in sehr geringer Anzahl geschaffen. Auch die «Agenda Monti» ist auf dem Gebiet der Bildung sehr realitätsfern, wenn es dort heisst, dass «jede einzelne Fakultät» sich an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes zu orientieren habe. Professor Monti und seine Berater sollten eigentlich wissen, dass es an italienischen Universitäten keine Fakultäten mehr gibt, denn diese wurden durch ein Gesetz von 2010 unter der Berlusconi-Regierung abgeschafft. Was damals als Einsparung angepriesen wurde, hat nur organisatorisches Chaos gebracht, aus dem sich die Universitäten erst jetzt langsam wieder aufrappeln. Über den beklagenswerten Zustand der Lehre und Forschung wird zwar viel geschrieben, ebenso wie über die heruntergekommenen Bibliotheken, Museen und Theater, aber in den Programmen der Wahlkämpfer findet das wenig konkretes Echo. Verhaltene Intellektuelle Einer der unermüdlichen Mahner ist der bekannte Kunsthistoriker Salvatore Settis, der oft über den Verfall der Kultur in die politische Wüste hineinruft ein Beispiel ist die Schliessung der Bibliothek der renommierten Universität Pisa. Auch der Dirigent Riccardo Muti beklagt aus dem fernen New York den provinziellen Niedergang der Kunst in Italien. Sonst hält sich die intellektuelle Prominenz aber seltsam zurück, auch in dem gegenwärtigen Tauziehen der Parteien, bei dem es schliesslich auch um das kulturelle Überleben geht. Populäre Schriftsteller wie Alessandro Baricco und Roberto Saviano haben höflich, aber dezidiert eine Kandidatur als Parlamentarier abgelehnt. Saviano schreibt regelmässig seine Kolumnen im «Espresso», doch ebenso wie Umberto Eco gibt er sich dort kaum mit dringlichen politischen Fragen ab. Einzig der Philosoph Massimo Cacciari rät, wie üblich dialektisch gewunden, aber doch eindeutig, zu einer Koalition der Vernunft zwischen Bersani und Monti.